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Warum wir unseren Erinnerungen nicht ganz trauen können – über Wahrnehmung, Wahrheit und die Gewissheit, die es nicht gibt

Ich weiß noch ganz genau, wie das war

Warum wir unseren Erinnerungen nicht ganz trauen können – über Wahrnehmung, Wahrheit und die Gewissheit, die es nicht gibt

„Ich weiß noch ganz genau, wie das war.“ Kaum ein Satz dürfte alltäglicher sein – und kaum einer ist erkenntnistheoretisch so gewagt. Ich weiß noch ganz genau, wie ich damals mit dem Fahrrad gegen das Auto des Nachbarn gefahren bin. Ich sehe das Fahrrad vor mir, den Lack des Autos, den Kratzer. Ich weiß noch, wie mein Vater reagierte. Vielleicht kann ich sogar die Ohrfeige noch beinahe körperlich spüren. Die Szene erscheint mir nicht wie eine Vermutung, sondern wie eine Tatsache. Als läge irgendwo in meinem Kopf eine alte Blu-ray, die ich nach Jahrzehnten wieder einlege: Play – und da ist es wieder, genau so, wie es gewesen ist.

Nur: So funktioniert Erinnerung nicht. Und wenn wir ernst nehmen, was Psychologie und Neurowissenschaft inzwischen über Wahrnehmung und Gedächtnis wissen, führt uns diese zunächst recht unscheinbare Erkenntnis erstaunlich weit. Sie verändert unseren Blick auf Biografie und Identität, auf Paarbeziehungen und Trauma, auf Zeugenaussagen und Rechtsprechung – und irgendwann sogar auf die Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Wahrheit, Wirklichkeit und Gewissheit sprechen.

Das Erlebnis ist nicht das Ereignis

Der erste entscheidende Unterschied entsteht bereits in dem Moment, in dem etwas geschieht. Es gibt ein Ereignis in der Welt, aber dieses Ereignis gelangt nicht als vollständige Kopie in unser Gehirn. Wir nehmen Ausschnitte wahr. Aufmerksamkeit selektiert, Erwartungen strukturieren, Emotionen gewichten. Vorerfahrungen liefern Kategorien, der körperliche Zustand verändert Wahrnehmung und Bedeutung. Das Kind, das mit dem Fahrrad gegen das Auto fährt, erlebt also nicht einfach einen neutralen physikalischen Vorgang. Es erlebt vielleicht Schreck, Schuld, Angst vor dem Vater, den Gesichtsausdruck des Nachbarn, einen Schmerz, die Sorge um das Fahrrad oder die Beschädigung des Autos. Schon das ursprüngliche Erlebnis ist nicht identisch mit dem Ereignis.

Und selbst dieses Erlebnis wird anschließend nicht als vollständiger Film abgespeichert. Gedächtnis arbeitet konstruktiv. Informationen werden verteilt verarbeitet, miteinander verbunden, gewichtet und später unter jeweils neuen Bedingungen wieder zugänglich gemacht. Die Gedächtnisforschung beschreibt Erinnern deshalb längst nicht mehr als bloßes Abrufen unveränderter Aufzeichnungen. Daniel Schacter und andere haben ausführlich gezeigt, dass gerade die konstruktiven Eigenschaften des Gedächtnisses sowohl seine enorme Leistungsfähigkeit als auch seine charakteristischen Fehler erklären. Elizabeth Loftus konnte in jahrzehntelanger Forschung zudem zeigen, wie nachträgliche Informationen Erinnerungen beeinflussen können. Menschen können sich an Einzelheiten erinnern, die ihnen erst nach einem Ereignis nahegelegt wurden. Unter bestimmten Bedingungen können sogar komplexere falsche autobiografische Erinnerungen entstehen.

Der bemerkenswerte Punkt daran ist nicht allein, dass wir uns irren. Bemerkenswert ist, wie wahr sich der Irrtum anfühlen kann. Wenn ich mich Jahrzehnte später an mein Fahrrad erinnere, greife ich nicht auf eine archivierte Aufnahme zurück. Ich rekonstruiere im gegenwärtigen Moment aus noch verfügbaren Gedächtnisspuren, Körperempfindungen, Wissen, späteren Erzählungen und meinem heutigen Selbstverständnis eine plausible Version des damaligen Geschehens. Zwischen Wirklichkeit und Erinnerung liegen damit mindestens drei Ebenen: Ereignis → damaliges Erleben → heutige Rekonstruktion. Genauer müsste man vermutlich noch mehrere Zwischenschritte ergänzen: Ereignis → Wahrnehmung → Bedeutung → Enkodierung → Erinnerung → erneute Rekonstruktion → Narrativ. Unsere Erinnerung ist damit in gewisser Weise eine Konstruktion einer Konstruktion.

Aber ich sehe es doch vor mir

Damit entsteht ein interessantes Problem, denn subjektiv erleben wir diese Unsicherheit meistens überhaupt nicht. Wir sehen das rote Fahrrad. Nur: War das Fahrrad wirklich rot? Vielleicht war das Auto rot. Vielleicht waren beide rot. Vielleicht gab es in der gesamten Szene überhaupt nichts Rotes und die Farbe stammt aus einer anderen Erinnerung. Das Gehirn versieht rekonstruierte Erinnerungen nicht mit einem kleinen Warnhinweis: „Diese Szene wurde aus unvollständigen Daten rekonstruiert. Einzelheiten können von den historischen Ereignissen abweichen.“ Stattdessen präsentiert es eine erstaunlich kohärente Wirklichkeit – und Kohärenz erzeugt Gewissheit.

Damit gelangen wir zu einer Unterscheidung, die für viele weitere Überlegungen dieses Artikels wichtig ist: Subjektive Gewissheit ist zunächst eine Eigenschaft unseres Erlebens, kein Beweis für die objektive Richtigkeit seines Inhalts. Ich kann mir vollkommen sicher sein und mich trotzdem irren. Das ist keine seltene Fehlfunktion eines ansonsten perfekten Systems. Fehlzuordnungen, Suggestibilität, nachträgliche Verzerrungen und Vergessen gehören zu den normalen Eigenschaften menschlichen Gedächtnisses. Schacter spricht in diesem Zusammenhang von den „seven sins of memory“ – sieben charakteristischen Formen, in denen Erinnerung vergessen, verändern oder fehlzuordnen vermag. Interessanterweise interpretiert er diese Eigenschaften nicht einfach als Konstruktionsfehler. Viele davon sind wahrscheinlich die Kehrseite eines Gedächtnisses, das gerade deshalb leistungsfähig ist, weil es flexibel, selektiv und konstruktiv arbeitet. Ein perfektes Archiv wäre womöglich ein schlechteres menschliches Gedächtnis.

Wir sehen auch die Gegenwart nicht vollständig

Noch irritierender wird es, wenn wir einen Schritt zurückgehen, denn das Problem beginnt nicht erst beim Erinnern. Schon unsere gegenwärtige Wahrnehmung ist hochgradig selektiv. Berühmt geworden ist das Experiment von Daniel Simons und Christopher Chabris zur sogenannten inattentional blindness. Versuchspersonen beobachten ein Video, in dem sich Menschen Basketbälle zuspielen, und erhalten eine Aufgabe, die ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Passbewegungen konzentriert. Währenddessen durchquert eine Person in einem Gorillakostüm deutlich sichtbar die Szene. Ein erheblicher Teil der Versuchspersonen bemerkt den Gorilla nicht.

Das geschieht nicht, weil mit ihren Augen etwas nicht stimmt oder weil sie im alltäglichen Sinne besonders unaufmerksam wären, sondern gerade weil sie aufmerksam sind – auf etwas anderes. Das Experiment demonstriert ein grundlegendes Prinzip: Aufmerksamkeit funktioniert durch Auswahl. Wir können nicht alles gleichzeitig mit derselben Intensität verarbeiten. Wahrnehmung muss reduzieren, wenn ein Organismus handlungsfähig bleiben soll. Wir sehen deshalb niemals einfach „die Welt“, sondern eine für unser gegenwärtiges System relevante Auswahl von Welt. Das ist ein großer Unterschied.

Zwei Menschen, zwei Erinnerungen – und keiner muss lügen

Diese Erkenntnis bekommt eine sehr praktische Bedeutung, sobald zwei Menschen über dasselbe Ereignis sprechen. In Paarbeziehungen begegnet mir das immer wieder: „Das hast du gesagt.“ – „Nein. Das habe ich definitiv nicht gesagt.“ – „Ich weiß ganz genau, dass du es gesagt hast.“ – „Und ich weiß genauso genau, dass ich es nicht gesagt habe.“

Von außen entsteht schnell der Verdacht, einer der beiden müsse lügen, manipulieren oder – ein inzwischen inflationär verwendeter Begriff – den anderen „gaslighten“. Natürlich gibt es bewusste Manipulation. Aber sie ist keineswegs die einzige Erklärung für widersprüchliche Erinnerungen. Zwei Menschen können dasselbe Gespräch erleben und schon währenddessen Unterschiedliches wahrnehmen. Für den einen wird ein bestimmter Satz zum emotionalen Mittelpunkt der Auseinandersetzung, während der andere ihn kaum registriert. Bindungserwartungen, Angst, Scham, Wut, frühere Erfahrungen und körperliche Aktivierung verändern Aufmerksamkeit und Bedeutungsbildung. Später rekonstruieren beide das Geschehen erneut. Beide können deshalb mit großer Aufrichtigkeit sagen: „Ich weiß, wie es gewesen ist“ – und dennoch unterschiedliche Geschichten erzählen.

Für die psychologische Arbeit verändert sich dadurch die Fragestellung. Die erste Frage muss nicht immer lauten: Wer von euch hat recht? Eine häufig produktivere Frage lautet: Wie ist aus demselben Geschehen für jeden von euch diese jeweilige Wirklichkeit entstanden? Damit wird Wahrheit nicht beliebig. Natürlich kann es objektivierbare Tatsachen geben. Ein Satz kann auf einer Tonaufnahme vorhanden sein oder nicht. Eine Tür war offen oder geschlossen. Eine Nachricht wurde verschickt oder nicht. Aber die psychologisch entscheidende Wirklichkeit beginnt häufig erst danach: Was bedeutete dieser Satz für mich? Was habe ich darin gehört? Was habe ich erwartet? Was hat mein Körper daraus gemacht? Welche Schutzreaktion wurde ausgelöst – und was erinnere ich später davon?

So entsteht eine rekursive Schleife: Situation → Bedeutung → Körper/Affekt → Erwartung → Schutzreaktion → Beziehungswirkung → Erinnerung → neue Erwartung. Die Erinnerung an den letzten Konflikt wird damit zu einer Ausgangsbedingung des nächsten. Zwei Menschen streiten dann nicht mehr nur über das gegenwärtige Ereignis. In diesem Ereignis begegnen sich zugleich zwei unterschiedlich rekonstruierte Beziehungsgeschichten.

Erinnerung und Trauma: Was bedeutet „wahr“?

Besonders sensibel wird diese Frage in der Arbeit mit traumatischen Erfahrungen. Hier drohen zwei entgegengesetzte Fehler. Der erste besteht darin, eine Erinnerung nur dann ernst zu nehmen, wenn jedes historische Detail objektiv bestätigt werden kann. Der zweite besteht darin, jede im therapeutischen Prozess auftauchende Erinnerung automatisch als historische Tatsache zu behandeln. Beides ist problematisch.

Eine Erinnerung kann historisch ungenau und psychologisch außerordentlich wirksam sein. Ein Mensch kann heute reale Angst, Scham, Wut oder Erstarrung erleben. Sein Körper kann auf bestimmte Situationen reagieren, Beziehungen können durch bestimmte Erwartungen organisiert werden und Schutzstrategien sein gesamtes Erwachsenenleben prägen. Diese gegenwärtigen Vorgänge sind real – selbst wenn einzelne Bestandteile einer Jahrzehnte zurückliegenden Erinnerung nicht mehr zweifelsfrei rekonstruiert werden können.

Deshalb sollte therapeutische Arbeit nicht mit kriminalistischer Beweisführung verwechselt werden. Die Frage lautet nicht ausschließlich: Was ist damals exakt geschehen? Sie lautet ebenso: Was organisiert diese Geschichte heute? Welche Körperreaktionen löst sie aus? Welche Vorstellung von mir selbst ist mit ihr verbunden? Welche Beziehungen interpretiere ich durch sie? Welche Gefahr erwarte ich? Welche Schutzstrategie erscheint deshalb notwendig? Historische Wahrheit und psychische Wahrheit sind nicht dasselbe. Daraus folgt weder, dass die eine bedeutungslos wäre, noch dass die andere automatisch historische Faktizität beanspruchen dürfte. Gerade hier ist epistemische Sorgfalt Teil einer traumasensiblen Haltung.

Diese Perspektive schließt unmittelbar an das an, was ich in meinen Arbeiten über Traumaorganisationen immer wieder beschreibe: Vergangenheit wirkt nicht einfach deshalb weiter, weil sie irgendwo unverändert gespeichert liegt. Sie wirkt weiter, weil ein gegenwärtiges System sich anhand früherer Erfahrungen organisiert. Die entscheidende therapeutische Bewegung besteht dann nicht darin, eine perfekte historische Rekonstruktion herzustellen, sondern gegenwärtige Organisationsmuster erkennbar und veränderbar zu machen.

Das Problem des Augenzeugen

Dasselbe Problem verlässt den therapeutischen Raum spätestens dort, wo Erinnerungen juristische Konsequenzen bekommen. Ein Augenzeuge sagt vor Gericht aus. Er hat das Ereignis tatsächlich gesehen, möchte wahrheitsgemäß berichten und ist vollkommen überzeugt von seiner Erinnerung. Trotzdem kann er sich irren.

Forschung zum sogenannten Misinformation Effect zeigt seit Jahrzehnten, dass Informationen, die Menschen nach einem Ereignis erhalten, ihre spätere Erinnerung beeinflussen können. Das bedeutet keineswegs, dass Zeugenaussagen wertlos wären. Es bedeutet etwas Anspruchsvolleres: Eine Zeugenaussage ist Evidenz, aber keine unmittelbare Kopie der Vergangenheit. Ihre Aussagekraft muss deshalb gemeinsam mit den Bedingungen von Wahrnehmung, Erinnerung, Befragung und anderen verfügbaren Belegen beurteilt werden.

Damit bekommt auch die traditionelle Eidesformel eine beinahe philosophische Dimension. Wer verspricht, „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ zu sagen, verspricht streng genommen etwas, wozu kein menschliches Gedächtnis vollständig in der Lage ist. Ein redlicher Zeuge kann versprechen, nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten. Die Vergangenheit selbst kann er nicht wiederbringen. Das ist ein erheblicher Unterschied – und vielleicht einer, den unser alltägliches Verständnis von Erinnerung noch immer unterschätzt.

Warum wir unsere Vergangenheit trotzdem brauchen

Man könnte nun auf die Idee kommen, Erinnerungen grundsätzlich zu misstrauen. Das wäre die falsche Konsequenz, denn unser konstruktives Gedächtnis erfüllt eine viel wichtigere Aufgabe, als bloß Vergangenheit zu archivieren: Es stellt Kontinuität her.

Martin Conway und Christopher Pleydell-Pearce haben autobiografische Erinnerung als Bestandteil eines „Self-Memory System“ beschrieben. Autobiografische Erinnerungen entstehen darin als gegenwärtige mentale Konstruktionen im Zusammenspiel zwischen autobiografischem Wissen und den Zielen des gegenwärtigen Selbst. Das ist für unsere Frage hochinteressant, denn wir brauchen unsere Geschichte, um uns als denselben Menschen über die Zeit hinweg erleben zu können. Ich war dieses Kind, habe jene Schule besucht, habe geliebt, wurde verlassen, habe versagt, habe etwas überwunden. Deshalb bin ich heute dieser Mensch – und morgen werde ich wahrscheinlich noch immer irgendwie dieser Mensch sein.

Aus Erinnerungen entstehen Geschichten, aus Geschichten biografische Kontinuität, und aus dieser Kontinuität entsteht ein erheblicher Teil dessen, was wir „Ich“ nennen. Unsere Biografie muss dafür offenbar nicht in jedem Detail historisch korrekt sein. Sie muss vor allem hinreichend kohärent sein. Das ist möglicherweise eine der irritierendsten Konsequenzen der Gedächtnisforschung: Ein Teil dessen, was ich für mein Leben halte, ist die gegenwärtige Erzählung meines Lebens.

Gewissheit ist vielleicht gar nicht für Wahrheit gemacht

Damit lässt sich eine weitere Vermutung formulieren. Vielleicht missverstehen wir die Funktion von Gewissheit. Wir behandeln sie häufig so, als wäre sie ein inneres Messgerät für Wahrheit: Je sicherer ich mir bin, desto wahrscheinlicher muss etwas stimmen. Aber vielleicht ist Gewissheit ursprünglich für etwas anderes wichtig.

Ein Organismus muss handeln. Er kann nicht vor jedem Schritt sämtliche erkenntnistheoretischen Voraussetzungen seines Weltmodells überprüfen. Ist das wirklich eine Treppe? Existiert der Boden? Ist diese Person tatsächlich meine Partnerin? Habe ich wirklich einen Termin? Bin ich überhaupt derselbe Mensch wie gestern? Ein Organismus, der jede seiner Annahmen permanent offenhalten müsste, wäre kaum handlungsfähig. Wir benötigen deshalb vorläufige Gewissheiten.

Gewissheit wäre dann nicht primär ein Wahrheitsmesser, sondern auch eine Regulations- und Handlungsleistung. Das erklärt vielleicht sogar, warum Menschen manchmal an offenkundig problematischen Narrativen festhalten. Ein falsches, aber geschlossenes Weltbild kann psychisch leichter auszuhalten sein als eine offene, widersprüchliche Wirklichkeit. „Ich weiß, warum das passiert ist“ beruhigt. „Ich weiß es nicht“ öffnet Möglichkeiten – aber zunächst auch Unsicherheit.

Psychische Reife könnte dann weniger darin bestehen, immer sicherer zu werden, sondern darin, Unsicherheit zunehmend aushalten zu können, ohne handlungsunfähig zu werden. Genau an dieser Stelle berührt die Frage nach Erinnerung die Themen Selbstwirksamkeit, Hilflosigkeit und Kontrolle: Wer Ungewissheit nur als Bedrohung erleben kann, benötigt Eindeutigkeit. Wer sie zunehmend regulieren kann, gewinnt die Freiheit, mehrere Möglichkeiten gleichzeitig offenzuhalten.

Vom Menschen zur Wissenschaft

An diesem Punkt verlassen wir allmählich die Psychologie und geraten mitten in die Erkenntnistheorie. Denn auch Wissenschaft betrachtet Wirklichkeit nicht vollständig. Sie kann das gar nicht. Ein Experiment ist gerade deshalb leistungsfähig, weil es reduziert. Wir definieren Variablen, kontrollieren Bedingungen, versuchen störende Einflüsse auszuschließen und bauen ein Modell, innerhalb dessen eine bestimmte Frage beantwortbar wird. Das ist keine Schwäche wissenschaftlicher Methodik, sondern eine ihrer größten Stärken. Problematisch wird es erst, wenn wir das Modell mit der Wirklichkeit verwechseln.

Ein schönes Gedankenbild dafür ist ein Schiff auf dem Meer. Wir beobachten nur das Schiff und das Wasser und stellen fest: Das Schiff verändert seinen Standort. Wie kann das sein? Solange unser Modell keinen Wind enthält, wirkt die Bewegung geheimnisvoll. Sobald wir den Wind in das Modell aufnehmen, verschwindet ein Teil des Geheimnisses. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun „die Wirklichkeit“ vollständig erklärt hätten. Vielleicht fehlen Strömung, Wellen, Segelstellung, Rumpfform, Steuerbewegungen und hundert weitere Variablen. Erkenntnis wächst häufig dadurch, dass wir einen bislang ausgeschlossenen Zusammenhang wieder in unser Modell aufnehmen. Das Geheimnis wird kleiner, das Modell größer – aber Modell und Wirklichkeit bleiben zwei verschiedene Dinge.

Und dann kommt die Quantenphysik

Spätestens hier wird es gefährlich. Denn wo klassische Erklärungen schwierig werden, taucht in populären spirituellen Diskussionen erstaunlich zuverlässig die Quantenphysik auf: Doppelspalt, Verschränkung, Beobachtereffekt, Schrödingers Katze – und wenige Sätze später hat menschliches Bewusstsein das Universum erschaffen.

Das ist ein Sprung, den die Physik so nicht hergibt. Der „Beobachter“ in quantenphysikalischen Zusammenhängen muss nicht als menschliches Bewusstsein verstanden werden, das von außen auf die Welt schaut. Messung bedeutet zunächst physikalische Wechselwirkung. Wir stehen ohnehin niemals außerhalb des Universums, das wir beobachten. Das finde ich philosophisch sogar interessanter als die mystische Variante: Der Beobachter ist Teil des beobachteten Systems.

Es gibt keinen neutralen Aussichtspunkt außerhalb der Wirklichkeit. Das gilt auf vollkommen andere Weise bereits psychologisch: Ich bin Teil meiner Beziehung, während ich meine Beziehung beobachte. Ich bin Teil meiner Biografie, während ich meine Biografie erzähle. Mein Gehirn untersucht ein Gehirn mit einem Gehirn. Wir sind keine Zuschauer des Universums, sondern Vorgänge darin. Gerade deshalb müssen wir bei der Interpretation unserer Beobachtungen berücksichtigen, dass jede Beobachtung aus einer Position innerhalb des Systems erfolgt.

Der Unterschied

Hier erscheint ein Begriff, der möglicherweise tiefer reicht, als es zunächst scheint: der Unterschied. Was benötigt ein System überhaupt, damit Information entstehen kann? Mindestens zwei unterscheidbare Möglichkeiten: A und B. Etwas geschieht – oder etwas anderes geschieht. Ein Zustand verändert sich – oder bleibt bestehen. Erst wo ein Unterschied möglich ist, kann etwas Information über etwas anderes tragen.

Doch ein Unterschied allein besitzt noch keine Bedeutung. Dafür benötigt er Relation. Und eine Relation wird für ein lebendes oder informationsverarbeitendes System dort interessant, wo sie relevant wird. Daraus lässt sich eine mögliche Prozessfolge formulieren: Unterschied → Information → Relation → Relevanz → Bedeutung.

Psychologisch begegnet uns parallel eine zweite Folge: Ereignis → Wahrnehmung → Bedeutung → Erinnerung → Narrativ → Identität. Beide Linien treffen sich an einem bemerkenswerten Punkt: bei der Bedeutung. Vielleicht ist genau das die Brücke zwischen einer Welt, in der etwas geschieht, und einer Welt, die von einem bewussten Wesen erlebt wird. In Der Unterschied und Bewusstsein als Prozess habe ich diese beiden Seiten aus unterschiedlichen Richtungen betrachtet; zusammengenommen führen sie zu einer weitergehenden Frage: Wie wird aus einer Differenz in der Welt etwas, das für ein System etwas bedeutet – und wie wird aus solchen Bedeutungen schließlich die Wirklichkeit, in der ein Mensch lebt?

Vorhersage, Komplexität und der Rest

Damit kommen wir zu einer weiteren Versuchung. Wenn wir nur genug Informationen hätten – könnten wir dann alles berechnen? Die klassische deterministische Vorstellung war bestechend: Kennt man sämtliche Ausgangsbedingungen und sämtliche Naturgesetze, müsste sich daraus prinzipiell jeder zukünftige Zustand ableiten lassen. In einfachen Systemen kommen wir diesem Ideal erstaunlich nahe, reale Systeme werden jedoch sehr schnell komplex.

Schon ein Billardtisch ist interessanter, als er aussieht. Ein erfahrener Spieler kann Bewegungen intuitiv erstaunlich zuverlässig antizipieren, ohne Winkel, Reibungskoeffizienten, Rotationen und Impulsübertragungen bewusst auszurechnen. Er „hat es im Gefühl“. Das ist zunächst kein Beweis für ein universelles Bewusstseinsfeld. Die wesentlich sparsamere Erklärung lautet, dass das menschliche Gehirn über hochentwickelte, durch Erfahrung trainierte implizite Vorhersagemodelle verfügt.

Trotzdem bleibt eine interessante Frage: Ist alles, was wir nicht vorhersagen können, lediglich praktisch unvorhersagbar, weil uns Informationen und Rechenleistung fehlen? Oder gibt es Prozesse, die prinzipiell probabilistisch sind? Diese beiden Dinge dürfen nicht verwechselt werden. Chaos ist nicht dasselbe wie quantenphysikalische Unbestimmtheit; Unkenntnis einer Variable ist nicht dasselbe wie fundamentale Indeterminiertheit. Dass wir etwas nicht berechnen können, beweist keine metaphysische Ursache. Aber ebenso wenig sollte aus dem Erfolg unserer bisherigen Modelle vorschnell geschlossen werden, dass prinzipiell jede Wirklichkeit bereits in ihrem Erklärungsschema enthalten sei.

Wo das Wunder beginnen darf

Genau an dieser Grenze wartet eine sehr menschliche Versuchung: Wo unsere Erklärung endet, setzen wir eine Erklärung ein, die uns gefällt. Gott, kosmisches Bewusstsein, Informationsfeld, Quantenbewusstsein, Seele oder Simulation – vielleicht existiert etwas davon, vielleicht auch nicht. Die Tatsache, dass wir ein Phänomen bislang nicht erklären können, ist jedoch kein Beweis für irgendeine dieser Möglichkeiten.

Der spiegelbildliche Fehler wäre allerdings, aus dem bisherigen Erfolg naturalistischer Erklärungen zu schließen, jede grundsätzlich offene Frage sei damit bereits beantwortet. Zwischen beiden Positionen liegt ein erstaunlich großer Raum. Für meine eigene Arbeit ist deshalb eine vierteilige Haltung hilfreich geworden: Erfahrung achten. Wirkung untersuchen. Erklärung prüfen. Geheimnis aushalten.

Ein außergewöhnliches Erlebnis darf außergewöhnlich bleiben. Ich muss seine subjektive Bedeutung nicht reduzieren, nur weil ich seine metaphysische Interpretation nicht beweisen kann. Und ich muss seine metaphysische Interpretation nicht glauben, nur weil das Erlebnis überwältigend war. Gerade diese Trennung erlaubt es, spirituelle und außergewöhnliche Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne aus ihnen vorschnell eine Naturwissenschaft zu machen. Diese Frage bildet auch einen zentralen Hintergrund meiner Arbeit zur Entmystifizierung vermeintlich unerklärlicher Phänomene.

Auch Gödel rettet uns nicht

An dieser Stelle wird gern Kurt Gödel bemüht. Seine Unvollständigkeitssätze gehören tatsächlich zu den großen intellektuellen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. Vereinfacht betreffen sie Grenzen der Beweisbarkeit innerhalb hinreichend mächtiger konsistenter formaler Systeme. Verführerisch ist nun der nächste Schritt: Wenn formale Systeme sich nicht vollständig selbst begründen können, dann könne auch der Mensch niemals das Universum verstehen, weil er Teil dieses Universums ist.

Als philosophische Analogie finde ich diesen Gedanken faszinierend. Als mathematischen Beweis dürfen wir ihn nicht verkaufen. Gödel hat nicht bewiesen, dass das menschliche Bewusstsein prinzipiell unerklärbar ist. Er hat auch keinen metaphysischen Rest des Universums mathematisch nachgewiesen. Übertragungen seiner Sätze auf Geist, Bewusstsein oder Kosmologie sind philosophische Erweiterungen und teilweise kontrovers. Gerade deshalb ist Gödel interessant: nicht weil er uns eine einfache Antwort liefert, sondern weil er uns daran erinnert, wie vorsichtig wir sein müssen, wenn wir von den Grenzen eines Modells auf die Grenzen der Wirklichkeit schließen.

Vielleicht wird das Wunder immer kleiner

Mit besseren Messinstrumenten, besseren Theorien, leistungsfähigeren Computern und künstlicher Intelligenz werden wir vermutlich vieles erklären können, was uns heute rätselhaft erscheint. Der Bereich des Unerklärten wird kleiner werden. Das ist in der Menschheitsgeschichte immer wieder geschehen. Blitze brauchten irgendwann keinen zornigen Gott mehr, Krankheiten keine Dämonen und die Bewegung eines Schiffes keinen geheimnisvollen Willen des Meeres.

Aber daraus folgt nicht zwingend, dass der Rest irgendwann Null sein wird. Vielleicht wird er Null. Vielleicht nicht. Und vielleicht können wir diese Frage aus unserer gegenwärtigen Position überhaupt nicht entscheiden. Genau hier beginnt für mich nicht Esoterik, sondern epistemische Bescheidenheit.

Epistemische Bescheidenheit bedeutet keineswegs: Wir wissen nichts, alles ist relativ, jeder hat seine eigene Wahrheit und Wissenschaft ist auch nur eine Meinung. Das wäre beinahe das Gegenteil dessen, was gemeint ist. Wir wissen außerordentlich viel. Manche Aussagen sind hervorragend belegt, manche Modelle besitzen enorme Erklärungskraft und manche Behauptungen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch. Aber nicht jede Form von Wissen besitzt denselben Status. Wir sollten unterscheiden zwischen Erleben, Beobachtung, Erinnerung, Interpretation, Hypothese, Modell, Wahrscheinlichkeit, Evidenz, sehr gut bestätigtem Wissen und Spekulation.

Vielleicht besteht intellektuelle Reife deshalb nicht darin, möglichst viele Gewissheiten zu besitzen, sondern darin, möglichst präzise einschätzen zu können, wie gewiss wir uns jeweils sein dürfen.

Und damit gelangen wir zurück zu unserem Fahrrad. Vielleicht war es tatsächlich rot. Vielleicht erinnere ich mich vollkommen richtig an den Kratzer, den Gesichtsausdruck meines Vaters und die Ohrfeige. Vielleicht stimmen einige Details nicht. Entscheidend ist zunächst etwas anderes: Die Erinnerung ist heute Teil meiner Geschichte, aber meine Geschichte ist nicht identisch mit meiner Vergangenheit. Mein Erleben ist nicht identisch mit dem Ereignis. Mein Modell ist nicht identisch mit der Wirklichkeit. Und meine Gewissheit ist nicht identisch mit Wahrheit.

Das macht unsere Welt nicht beliebiger. Im Gegenteil. Vielleicht können wir erst dann ernsthaft nach Wahrheit suchen, wenn wir aufhören, jede unserer Gewissheiten bereits dafür zu halten.

Literatur und weiterführende Quellen

Brassil, M., O’Mahony, C. & Greene, C. M. (2024). Do cognitive abilities reduce eyewitness susceptibility to the misinformation effect? A systematic review. Psychonomic Bulletin & Review, 31, 2410–2436.

Conway, M. A. & Pleydell-Pearce, C. W. (2000). The construction of autobiographical memories in the self-memory system. Psychological Review, 107(2), 261–288.

Loftus, E. F. (2005). Planting misinformation in the human mind: A 30-year investigation of the malleability of memory. Learning & Memory, 12(4), 361–366.

Schacter, D. L. (1999). The seven sins of memory: Insights from psychology and cognitive neuroscience. American Psychologist, 54(3), 182–203.

Schacter, D. L. (2022). The seven sins of memory: An update. Memory, 30(1), 37–42.

Schacter, D. L., Norman, K. A. & Koutstaal, W. (1998). The cognitive neuroscience of constructive memory. Annual Review of Psychology, 49, 289–318.

Simons, D. J. & Chabris, C. F. (1999). Gorillas in our midst: Sustained inattentional blindness for dynamic events. Perception, 28(9), 1059–1074.

Raatikainen, P. (2025). Gödel’s Incompleteness Theorems. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Eigene Arbeiten und thematische Anschlüsse

Schwenkel, Achim: Bewusstsein als Prozess. Zu Wahrnehmung, Bedeutungsbildung, Selbstorganisation und der prozesshaften Konstruktion von Bewusstsein.

Schwenkel, Achim: Der Unterschied. Zum Unterschied als elementarer Kategorie von Wahrnehmung, Information, Relation und Bedeutung.

Schwenkel, Achim: Traumaorganisationen. Zur gegenwärtigen Organisation biografischer Erfahrung, zu Schutzreaktionen und zur Bedeutung vergangener Erfahrungen für heutige Wahrnehmungs- und Handlungsmuster.

Schwenkel, Achim: Ego, Angst & Eifersucht. Zu Bedeutung, Erwartung, Affekt und Schutzreaktionen in Beziehungen sowie zur Konstruktion unterschiedlicher Beziehungswirklichkeiten.

Schwenkel, Achim: Machtlos – Hilflos – Ausweglos? Zum Verhältnis von Unsicherheit, Regulation, Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit.

Schwenkel, Achim: Das Wunder hinter dem Hokuspokus / Entmystifizierung. Zur Unterscheidung zwischen außergewöhnlicher Erfahrung, beobachtbarer Wirkung, wissenschaftlicher Erklärung und metaphysischer Interpretation.


Author

Achim Schwenkel

Praxisgründer, Psychedelic Coach, Autor